China – Die Erstarkung Chinas und deren Folgen auf westliche Unternehmen

Während sich China in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem als „Werkbank der Welt“ einen Namen machte, ist dieses Image längst überholt. Das aufstrebende China ist inzwischen weltweit die Speerspitze des Wandels und ist bestrebt, ganze Industrien wie Software, Halbleiter, Biotechnologie, künstliche Intelligenz, saubere Energien und Raumfahrt zu besetzen.

Dabei hat das Land schon jetzt die USA in ihrem wirtschaftlichen Einfluss und dem Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt mit 15,9% zu 14,2%, hinter sich gelassen (siehe nachfolgende Abbildung).

Die neu gewonnene, weltweite Vormachtstellung Chinas tangiert dabei die Interessen der jetzigen Supermacht USA. Dadurch ist eine weitere Verschärfung der schon angespannten wirtschaftspolitischen Beziehungen der beiden Länder absehbar.

Der im Jahr 2018 von den USA begonnene „Handelskrieg“, der die Erhöhung bestehender Importzölle beinhaltet, ist dementsprechend nur als Auftakt einer weit größeren Entwicklung in naher Zukunft anzusehen. Dieser Konflikt zwischen den beiden Supermächten wird die zentrale Herausforderung der 2020er Jahre darstellen und sich auf alle Bereiche der Weltwirtschaft auswirken.

Vor allem westliche Unternehmen wären dann aufgrund ihrer teils hohen Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten bzw. Konsumenten die Leittragenden weiterer restriktiver Maßnahmen beider Seiten.

Wirtschaftliche Macht als Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt in Prozent
Abbildung 59: Wirtschaftliche Macht als Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt in Prozent Quelle: Arvind Subramanian, Economist

China, der Drache erwacht

Chinas disruptiver wirtschaftlicher Einfluss ergibt sich dabei aus einer einzigartigen Position als weltgrößter Absatzmarkt, weltweit größter Lieferant sowie inzwischen härtester wirtschaftlicher und politischer Konkurrent des Westens.

Aufgrund der immer fortschrittlicheren chinesischen Produktion und Technologie sind chinesische Unternehmen in den vergangenen Jahren auf der Innovationsleiter zu höheren Formen der Wertschöpfung aufgestiegen und stehen nun in direkter Konkurrenz mit westlichen Hightech Unternehmen.


China hat dabei offen verkündet, die USA in der weltweiten Technologieführerschaft überholen zu wollen. Besonders in Schlüsselbereichen wie KI, Robotik, autonome Systeme, Drohnen, 5G/Telekommunikation, Halbleiter, Gesichtserkennung oder Quantenphysik wird eine weltweite Marktführerschaft angestrebt.

Sollte dies gelingen, hätte das bedeutende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, da der IT-Sektor die Grundlage für praktisch jeden Industriesektor bildet. In Folge sind in dieser Branche auch die größten Auseinandersetzungen zwischen den Vereinigten Staaten und China zu erwarten.

Dabei haben die letzten Anfeindungen der USA gegenüber den chinesischen Unternehmen Huawei, ZTE, Fujian Jinhua und SMIC (Semiconductor Manufacturing International Corporation) hinsichtlich Spionagevorwürfen die chinesische Regierung in ihrer Strategie bekräftigt.

Sie vertritt die Ansicht, dass Eigenständigkeit der beste Weg zu wirtschaftlicher Souveränität und einer möglichen Marktführerschaft ist. Aber auch in anderen Branchen sind die Ambitionen Chinas inzwischen deutlich spürbar:

Banken

Die chinesische Regierung ist bestrebt, Alternativen zum Dollar als Weltreservewährung sowie dem SWIFT-Nachrichtensystem (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunications) zu etablieren.

Dabei wird China in seinem Vorhaben von weiteren Staaten unterstützt, denen der große Einfluss der USA auf dem internationalen Finanzmarkt missfällt. Dass die US-Regierung in jüngster Zeit ihre Dominanz im globalen Finanzsystem offensiver nutzt, um andere Nationen zu bestrafen, wird diesen Trend jedoch nur noch beschleunigen.

Nicht zuletzt verfügt China inzwischen über moderne Verbraucherzahlungssysteme und testet seit April 2021 als erste große Volkswirtschaft eine digitale Währung: den digitalen Renminbi.

Bildung

China hat in den vergangenen Jahren massiv in die Bildung investiert, um seinen Pool an hochqualifizierten Arbeitern bedeutend erweitern zu können.

Die Zahl der Hochschulabsolventen stieg von einer Million im Jahr 2000 auf mehr als acht Millionen im Jahr 2019. Von diesen haben etwa fünf Millionen einen Abschluss in sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technologie) erworben.

China hat inzwischen mehr MINT-Absolventen als Indien, die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Italien, das Vereinigte Königreich und Kanada zusammen. Schätzungen zufolge kommen im Jahr 2030 37% aller MINT-Absolventen aus China (siehe nachfolgende Abbildung).

Zudem macht das Land große Fortschritte bei der KI-gestützten Nachhilfe in technischen Bereichen auf Grundschul- und Studienniveau.

Prozentualer Anteil der weltweiten MINT-Absolventen nach Land im Jahr 2030
Abbildung 60: Prozentualer Anteil der weltweiten MINT-Absolventen nach Land im Jahr 2030 Quelle: OECD, Statista
Biowissenschaften

Erst mit der COVID-19-Pandemie wurde ein Großteil der Welt auf die massiven Bemühungen Chinas aufmerksam, ein wichtiger Akteur in der Biotechnologiebranche zu werden.

Schon heute stellen chinesische Biotech- Unternehmen aufgrund ihrer Erfahrung in den Bereichen prädiktive Analytik, Genomik und künstliche Intelligenz ein Gegengewicht zu den noch führenden US Konkurrenten dar. Allerdings möchte China in Zukunft nicht nur als Lieferant von Generika tätig sein, sondern auch das führende Land für die Entwicklung neuer Medikamente sein.

Transport und Energie

China hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv in seine Infrastruktur investiert. Dabei wurde mehr Geld für den Bau von Straßen, Schienen und Flughäfen ausgegeben als in den USA und Europa zusammen.


Auch im Vergleich zu weiteren aufstrebenden Nationen gibt China mit Investitionsausgaben für Infrastrukturprojekte in Höhe von 5,6% des Bruttoinlandsproduktes deutlich mehr aus als beispielsweise Indien mit nur 1,1% (siehe nachfolgende Abbildung).

Dies wird in den kommenden Jahren einen effizienten Austausch von Waren innerhalb Chinas ermöglichen und so zum weiteren Wirtschaftswachstum beitragen. Darüber hinaus ist das Land auf dem besten Weg, auch eine Führungsposition bei Batterien, Elektrofahrzeugen, Hochgeschwindigkeitszügen, der Kernenergie und den damit verbundenen intelligenten Städten und Netzen einzunehmen.

Schon heute ist China in der Solarzellenproduktion weltweiter Marktführer. Vor dem Hintergrund der internationalen Bestrebungen der Reduzierung des Klimawandels wird China in Zukunft mit seinen fortschrittlichen Technologien womöglich sogar eine Vorreiterrolle einnehmen können.

Ausgaben für Infrastruktur in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2019
Abbildung 61: Ausgaben für Infrastruktur in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2019 Quelle: OECD, eigene Darstellung
Luftfahrt

Der staatliche Flugzeughersteller Commercial Aircraft Corporation of China (COMAC) wurde in den vergangenen Jahren mithilfe der chinesischen Regierung zu einem bedeutenden Gegenspieler für die westlichen Hersteller Boeing und Airbus. COMAC entwickelt sein eigenes Mittelstreckenflugzeug – die Comac C919 – welches dem Airbus A320 und der Boeing 737 in Zukunft durchaus Konkurrenz machen dürfte.

Verteidigung

In den letzten 10 Jahren hat die chinesische Regierung ihre offiziellen Rüstungsausgaben auf zuletzt 252 Milliarden USD fast verdoppelt. Statt jedoch in alte Machtsymbole des Kalten Krieges wie Flugzeugträger, Kampfjets und weltweit verteilte Militärbasen zu investieren, fokussiert sich China auf Waffensysteme der nächsten Generation.

Im Mittelpunkt der Investitionen stehen autonome Drohnen, U-Boote, Roboter, Laser, Hyperschallraketen, elektromagnetische Railguns sowie die Bekämpfung von Weltraum- und Cyber Bedrohungen.

USA, der neue (alte) Herausforderer

Auch wenn China auf den ersten Blick wirtschaftlich und politisch immer stärker wird, heißt dies jedoch nicht, dass die USA ihre globale Führungsrolle kampflos aufgeben werden.

Die Vereinigten Staaten konnten in der Vergangenheit bereits mehrmals ihren Status behaupten, beispielsweise im Kalten Krieg gegen die UDSSR oder gegenüber der japanischen Wirtschaft in den 1970/80er Jahren. Verschiedene restriktive Maßnahmen (unter anderem höhere Importzölle, Import- und Exportverbote, politischer Druck auf verbündete Staaten) der USA könnten daher der chinesischen Wirtschaft in großem Umfang schaden.


Schließlich haben die USA mit Japan eine ähnliche Entwicklung durchlaufen: Japan produzierte in den 1970er Jahren vor allem billige und minderwertige Produkte, bis das Land begann, den US-Markt für Autos, Unterhaltungselektronik, Speicherchips und andere Produkte zu dominieren. Auf Druck der USA musste Japan Zugeständnisse machen. Unter anderem mussten mehr japanische Autos in den USA produziert werden, um so das Handelsbilanzdefizit der USA zu verringern.

Zudem musste Japan den Anteil ausländischer Halbleiter im eigenen Land innerhalb von fünf Jahren von 8% auf mindestens 20% erhöhen. Daneben mussten Maßnahmen zur Währungsanpassung des Yens gegenüber dem Dollar vorgenommen werden. Dadurch sollten amerikanische Exporte erleichtert und Importe in die USA verteuert werden.

Der Höhenflug Japans endete Anfang der 1990er Jahre in einer desaströsen Wirtschaftskrise und leitete die Zeit der „zwei verlorenen Dekaden ein“.

Dass die USA China womöglich ähnliche Maßnahmen auferlegen könnten, scheint nicht unrealistisch zu sein. Es gilt zu bedenken, dass die USA weltweit immer noch enorme Wettbewerbsvorteile besitzen.

Das Land hält immer noch die Marktführerschaft in wichtigen Bereichen der Schlüsselindustrien IT, Software, Biowissenschaften, medizinische Geräte, Landwirtschaft und Finanzdienstleistungen. Im Fall China hätte die US-Regierung allen Grund für ein härteres Vorgehen gegen das Land.

Zum einen respektieren viele chinesischen Firmen die geistigen Eigentumsrechte westlicher Unternehmen nur bedingt und zum anderen werden ausländische Unternehmen an der weiteren Expansion in den chinesischen Markt gehindert.

Vor allem in den letzten Jahren verfolgte die chinesische Regierung einen strategischen Wechsel weg vom Fokus auf Wirtschaftswachstum und hin zu wirtschaftlicher Kontrolle. Vor allem soll auch die Abhängigkeit von ausländischen Technologien und Fähigkeiten verringert werden.

Dazu hatte die chinesische Regierung bereits im Jahr 2005 beschlossen, in bestimmten Sektoren der Wirtschaft den Anteil der im eigenen Land produzierten Komponenten eines Endproduktes bis zum Jahr 2020 durch Importsubstitution auf 30% zu erhöhen.

Bis zum Jahr 2025 soll diese Quote in 10 Sektoren – Informationstechnologie, Robotik und KI, Luft- und Raumfahrt, Schifffahrt, Eisenbahn, Energie, Werkstoffe, medizinische Geräte und Arzneimittel, Landwirtschaft, Energieanlagen – auf 70% ausgebaut werden. Durch vorgegebene Marktanteilsziele für chinesische Unternehmen im Heimatmarkt sollen starke einheimische Unternehmen entstehen können, die sich dadurch besser im internationalen Markt behaupten können.

So sieht der im Jahr 2015 von der chinesischen Regierung vorgestellte Strategieplan „Made in China 2025“(MIC) beispielsweise vor, dass chinesische Hersteller von Elektrofahrzeugen 80% Marktanteil des Inlandsmarkts haben sollen (siehe nachfolgende Abbildung).

Während also signifikante Ziele für den Inlandsanteil ausländische Unternehmen dazu bringen, ihre Produktion in China zu erhöhen, sorgen hohe Marktanteilsziele dafür, dass einheimische Unternehmen den chinesischen Markt dominieren werden. Diese Vorgaben der chinesischen Regierung haben schon heute massive Auswirkungen auf die Strategien globaler Unternehmen.

So exportiert beispielsweise Intel heute Mikrochips im Wert von Milliarden von US-Dollar nach China, dessen Markt etwa 50% der weltweiten Halbleiternachfrage ausmacht.

Die Zielvorgaben für den Inlandsanteil haben Intel dazu gezwungen, seine Produktion vor Ort zu erhöhen. Wenn jedoch China seine Marktanteilsziele erreicht, werden die Einnahmen von Intel in China mit der Zeit durch die zunehmende Zahl einheimischer Champions unter Druck geraten.

Marktanteilsziele für inländische Mitbewerber nach Sektoren für die Jahre 2020 und 2025
Abbildung 62: Marktanteilsziele für inländische Mitbewerber nach Sektoren für die Jahre 2020 und 2025 Quelle: Mercator Institute for China Studies, Economist

Entsprechend ist der weitere Aufstieg Chinas teilweise auch vom Handeln der US-Regierung abhängig. Restriktive Maßnahmen der USA würden jedoch zweifellos zu Vergeltungsmaßnahmen der chinesischen Regierung führen.

Bereits im vergangenen Handelskrieg zwischen den beiden Ländern ging China als Gewinner dieser Konfrontation hervor, indem sich der Handelsüberschuss mit den USA sogar noch ausweitete und sich seit Jahresbeginn 2021 auf 320,67 Milliarden USD belief (siehe nachfolgende Abbildung).


In Folge ist zum heutigen Zeitpunkt noch nicht absehbar, ob in Zukunft ein dominantes China, wiedererstarkte Vereinigte Staaten, die Aufspaltung der Welt in zwei geopolitische Blöcke oder eine einfache Neugewichtung der aktuellen Situation eintreten wird. Allgemein muss davon ausgegangen werden, dass die steigenden Spannungen zwischen China und den USA zum verstärkten Einsatz von handelspolitischen Maßnahmen führen werden.

Zwar werden einige Unternehmen von den Maßnahmen profitieren, doch werden diese auch für eine bedeutende Anzahl an Unternehmen – auf US-amerikanischer und chinesischer Seite – eine bedeutende Herausforderung darstellen.

Entwicklung chinesischer Handelsüberschuss mit den USA in Milliarden USD
Abbildung 63: Entwicklung chinesischer Handelsüberschuss mit den USA in Milliarden USD Quelle: China´s General Administration of Customs

Folgen der Erstarkung Chinas für westliche Unternehmen

Derzeit sind mehr als eine Million ausländische Unternehmen in China tätig. Vor dem Hintergrund eines weiteren Erstarkens Chinas sind diese in unterschiedlicher Weise von möglichen (restriktiven) Handelsmaßnahmen betroffen. Allgemein lassen sich diese Unternehmen in vier Kategorien einteilen:

Unternehmen mit großer Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten, Komponenten und Arbeitskräften

In den letzten 20 Jahren war China als größter Lieferant an westliche Firmen außerordentlich erfolgreich. Im Jahr 2010 überholte es die Vereinigten Staaten und wurde zum größten Wertschöpfungsproduzenten der Welt, auf welchen knapp mehr als ein Viertel der gesamten Weltproduktion entfallen.

Der US-Spielzeughersteller Basic Fun ist ein klassisches Beispiel in dieser Unternehmenskategorie. Es bezieht die meisten seiner Rohstoffe und Komponenten (Kunststoffe, Holz, Batterien und Elektromotoren) aus China und konzentriert dort fast 90% seiner weltweiten Produktion.

Anschließend exportiert Basic Fun fast alle seiner Produkte in mehr als 60 Länder, wobei auf China nur 2% des Gesamtumsatzes entfallen. Dieser Unternehmenstyp ist besonders anfällig gegen restriktive Maßnahmen der USA. Müssten diese Unternehmen aufgrund neuer Vorgaben zum Importanteil ihre Produktion in die USA zurückverlagern, würde sich dies gravierend auf die Gewinne dieser Unternehmen auswirken.


Durch eine sogenannte „China + 1“ Strategie versuchen diese Unternehmen dabei (kurzfristigen) Herausforderungen bei der Interaktion mit chinesischen Lieferanten, Komponenten und Arbeitskräften entgegenzuwirken.

Das Unternehmen F-tech besitzt neben seiner Bremspedal-Fabrik im chinesischen Wuhan, die die Endmontage von Honda in China und Japan beliefert, auch eine kleinere Schwesterfabrik auf den Philippinen, die sich in erster Linie an die Honda-Produktionsstätten in Kanada und den Vereinigten Staaten richtet. Als das Coronavirus in Wuhan ausbrach und F-tech das dortige Werk schließen musste, ermöglichte es die China + 1-Strategie, die Produktion auf den Philippinen zu erhöhen, um die Nachfrage von Honda in Japan teilweise zu decken, bis das Werk in Wuhan wieder in Betrieb genommen werden konnte.

Jedoch verfügen andere asiatische Länder im Vergleich zu China über einen schlechteren Mix aus höherqualifizierten Arbeitskräften zu wettbewerbsfähigen Gehältern sowie einer guten Infrastruktur.

Unabhängig von den Folgen möglicher (Straf-)Zölle auf die Gewinne sind diese Unternehmen oftmals mit dem Risiko eines Abflusses von geistigem Kapital bei der Produktion in den chinesischen Fabriken konfrontiert.


Beispielsweise kooperiert Daikin, der führende japanische Hersteller von Klimaanlagen, seit dem Jahr 2009 mit dem chinesischen Konkurrenten Gree Electric, um international preiswerte Produkte vertreiben zu können. Das Unternehmen darf die kostengünstige Massenproduktion von Gree nutzen, musste jedoch im Gegenzug dem Konkurrenten Zugang zu seiner fortschrittlichen Wechselrichtertechnologie geben.

Inzwischen machen die internationalen Verkäufe von Daikin fast 80% des Gesamtumsatzes aus, doch konnte auch Gree Electric durch die Weitergabe des geistigen Eigentums zur Nummer eins unter den inländischen Anbietern aufsteigen.

Während vor etwas mehr als einem Jahrzehnt der chinesische Markt für Klimageräte noch von ausländischen Anbietern wie Daikin, Lennox, Electrolux, Carrier und Trane beherrscht wurde, kontrollieren chinesische Anbieter neuerdings mehr als 70% des Marktes.

Im Einklang mit der Strategie der chinesischen Regierung nutzt Gree Electric seine Stärke auf dem heimischen Markt, um auch international wettbewerbsfähig zu werden. Dadurch erwirtschaftet dieser chinesische Konkurrent von Daikin inzwischen 3 Milliarden USD außerhalb Chinas, was 10% des Gesamtumsatzes entspricht, und ist in den letzten sechs Jahren doppelt so schnell gewachsen wie Daikin.

Es scheint entsprechend nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Daikin von Gree Electric eingeholt wird und es die Marktmacht seines Konkurrenten zu spüren bekommt, was sich langfristig belastend auf Margen und Gewinne auswirken sollte.

Unternehmen mit großer Abhängigkeit vom chinesischen Absatzmarkt

Diese Unternehmen importieren fertige Endprodukte nach China, um diese auf den riesigen Absatzmärkten verkaufen zu können. Beispielsweise erwirtschaftet der US-amerikanische Hotel- und Casinobetreiber Wynn Resorts im Jahr 2020 ganze 69,8% seiner Umsätze in China, gefolgt von dem Technologieunternehmen Texas Instruments mit 50,1% (siehe nachfolgende Abbildung).

S&P 500-Unternehmen mit dem höchsten China-Anteil am Gesamtumsatz im Jahr 2020 in Prozent
Abbildung 64: S&P 500-Unternehmen mit dem höchsten China-Anteil am Gesamtumsatz im Jahr 2020 in Prozent Quelle: S&P Global Market Intelligence, Statista

Nicht nur ist das allgemeine Pro-Kopf-Einkommen in China in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, auch die Zahl der Millionäre hat sich in den letzten 15 Jahren um den Faktor 25 auf über 5 Millionen vervielfacht.

Der Schweizer Uhrenhersteller Rolex wollte schon früh an dieser Entwicklung teilhaben. Dabei importiert das Unternehmen alle seine Uhren aus der Schweiz und verkauft diese vor Ort über den gehobenen Einzelhandel an die chinesischen Konsumenten.

Im Jahr 2019 war China der zweitgrößte Markt für Rolex und der Umsatz in China hatte sich seit dem Jahr 2010 mehr als vervierfacht.

Die Auswirkungen der chinesischen Wettbewerbsstrategie auf diese Unternehmenskategorie ist unterschiedlich, je nachdem, ob diese Unternehmen zu den durch den MIC 2025-Plan regulierten Sektoren gehören oder durch Exportkontrollen der Heimatländer betroffen sind.

Unternehmen, die derzeit nicht den MIC 2025-Zielsektoren angehören, wie beispielsweise Anbieter von Luxusuhren, werden in naher Zukunft vorerst wahrscheinlich nicht mit den Importsubstitutionsbemühungen Chinas oder den von den USA oder anderen Heimatländern verhängten Exportkontrollen in Konflikt geraten. Dennoch erscheint es gut möglich, dass die chinesische Regierung schon in naher Zukunft die Anzahl der durch den jetzigen MIC 2025-Plan regulierten Sektoren deutlich ausweiten wird, sodass jedes ausländische Unternehmen unter Druck gesetzt werden würde.

Beispielsweise hat das italienische Unternehmen Danieli – der zweitgrößte Lieferant von Stahlerzeugungsanlagen weltweit – aufgrund der Importsubstitutionspolitik der Chinesen seine Investitionen mit seiner „in China für China“-Strategie deutlich ausgeweitet.

Hierzu wurde unter anderem die Mitarbeiterzahl in China auf 1.200 verdreifacht. Zudem wurde das Engagement in Forschung und Entwicklung, Design und Produktion vor Ort erheblich gesteigert. Das Unternehmen stellte jedoch fest, dass seine härtesten Konkurrenten in China inzwischen nicht mehr die deutsche SMS Group oder die japanische Primetals sind, sondern vor allem die staatliche China Metallurgical Group.

Diese profitiert vom Einfluss der chinesischen Regierung auf den Kauf von Stahlerzeugungsanlagen, welche tendenziell inländische Unternehmen bevorzugt, und von staatlich subventionierten Krediten. Für Danieli wird es entsprechend immer schwieriger, alte Kunden in China zu halten oder neue zu gewinnen, was sich in den kommenden Jahren auf die Profitabilität des Unternehmens weiter auswirken sollte.

Mehrfach von China abhängige Unternehmen

Zu dieser Kategorie gehören Unternehmen wie Apple, Intel und Nike, die einen beträchtlichen Teil ihrer Gesamtumsätze in China erzielen (20%, 28%, 16%), sowie das Land als wichtige Basis für ihre weltweite Produktion nutzen.

Beispielsweise werden die 20 Millionen jährlich produzierten iPhones von Apple ausschließlich in China produziert. Dieser Unternehmenstyp ist am meisten von möglichen Spannungen zwischen China und den USA betroffen.

Apple könnte beispielsweise zukünftig Schwierigkeiten haben, seine Telefone in China zu verkaufen, wenn die Regierung Apple Pay gegenüber den einheimischen Mitbewerbern – Alipay und We- Chat Pay – benachteiligt.

Auf der anderen Seite könnten neue Importzölle der USA, oder auch anderer westlicher Länder, die Gewinne des Unternehmens empfindlich treffen. Diese Herausforderungen werden die Unternehmen in Zukunft vermehrt zu einer „in China für China“-Strategie drängen sowohl auf der Produktions- und Lieferantenseite, als auch auf der Absatzseite.


In Folge würde die dadurch von den Unternehmen aufgebaute Wertschöpfungskette in China zunehmend von denen außerhalb des Landes entkoppelt werden, um eben diese Unternehmen zu einem gewissen Grad von den Auswirkungen neuer handelspolitischer Maßnahmen schützen zu können.

Damit diese Strategie funktioniert, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

Ein erhebliches Potenzial für Umsatzwachstum in China für den ausländischen Akteur und eine angemessene Produktionsbasis außerhalb Chinas, um den globalen Bedarf des Unternehmens zu decken.

Besonders das US-Unternehmen Apple steht in China in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen. Innerhalb eines Jahrzehnts ist der Marktanteil der inländischen Smartphone Hersteller in China von 10% auf 90% angestiegen.

Auch kontrolliert die chinesische Konkurrenz inzwischen 90% des Marktes für elektronische Zahlungsmittel in China. Auf der Produktionsseite ist Apple jedoch weiter abhängig von chinesischen Zulieferern, da das Unternehmen für die Endmontage seiner Produkte auf eine große Anzahl von technisch hochqualifizierten und gleichzeitig kostengünstigen Arbeitern angewiesen ist.

Die Schnittmenge aus handwerklichen Fähigkeiten, hochentwickelter Robotik und Computerwissenschaften ist in keinem anderen Land in der für Apple brauchbaren Form dermaßen ausgeprägt.

Entsprechend hat das Unternehmen bisher nur wenige Produktionsalternativen außerhalb Chinas, vor allem nicht auf der jetzigen Kostenbasis. Apple hat zwar schon begonnen, die Montage einiger Geräte, wie beispielsweise dem iPad und iMac, nach Vietnam zu verlagern, allerdings ist dies nur in einem relativ kleinen Umfang möglich.

Entsprechend wäre das Unternehmen bei neuen handelspolitischen Maßnahmen der chinesischen und US-Regierung im Vergleich zu anderen ausländischen Unternehmen in China überproportional betroffen – zum Vorteil der chinesischen Mitbewerber.

Doch es gibt auch ausländische Unternehmen dieser Unternehmenskategorie, die von diesen Entwicklungen und Maßnahmen der Regierungen praktisch nicht tangiert werden.

Beispielsweise kann der USSportartikelhersteller Nike seine globale Markenbekanntheit im schnell wachsenden chinesischen Sportschuhmarkt nutzen. Dieser ist vor allem von ausländischen Anbietern dominiert, da ausländische (vor allem US-amerikanische) Sport-Fashion-Marken von den chinesischen Verbrauchern als höherwertiger eingeschätzt werden.

Nike konnte entsprechend seine Umsätze im chinesischen Markt seit dem Jahr 2010 von 1,7 Milliarden USD auf voraussichtlich 8,3 Milliarden USD im Jahr 2021 steigern (siehe nachfolgende Abbildung).

Gleichzeitig verfügt Nike über ein Netz aus in 40 Ländern verteilten Fabriken (einschließlich in China), um unabhängig der handelspolitischen Entwicklungen flexibel und (preislich) wettbewerbsfähig bleiben zu können. Entsprechend sollte Nike im Vergleich zum vorherigen Fallbeispiel Apple deutlich besser in der Lage sein, sich langfristig gegen chinesische Marken wie Li-Ning und Anta, sowohl auf dem Markt in China, als auch international, durchsetzen zu können.

China-Umsätze von Nike in Milliarden USD
Abbildung 65: China-Umsätze von Nike in Milliarden USD, 2010 bis 2021 Quelle: Statista, eigene Darstellung
Geringfügig von China abhängige Unternehmen

Viele westliche Unternehmen sind jedoch nur geringfügig von den sich zuspitzenden Handelsbeziehungen zwischen China und den USA betroffen.

Einige befinden sich noch in einem frühen, experimentellen Stadium ihres Engagements auf dem chinesischen Absatzmarkt oder deren Produkte richten sich nur bedingt an Kunden in China. Auch verfügen diese Kunden teils über eigene lokale Ressourcen, wodurch der Produktionsvorteil in China an Bedeutung verliert.

In einem Bericht von Goldman Sachs aus dem Jahr 2020 wurde festgestellt, dass bei den S&P 500 Unternehmen die Einnahmen aus dem China- Geschäft im Durchschnitt nur weniger als 2% der Gesamteinnahmen ausmachten. Beispielsweise erzielt das US-Unternehmen International Paper – der weltweit größte Verpackungsmittelhersteller und private Besitzer von Holzabbauflächen in den USA – mehr als ein Viertel seines Umsatzes außerhalb der Vereinigten Staaten, wovon weniger als 2% aus China stammen.

Unternehmen dieser Kategorie sind mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert wie die zuvor beschriebenen Unternehmenstypen, vor allem in den vom MIC 2025-Plan anvisierten Branchen. Allerdings würden sich die Auswirkungen neuer handelspolitischer Maßnahmen auf die Profitabilität dieser Unternehmenskategorie aufgrund des geringen Engagements in China in Grenzen halten. Fresenius Medical erwirtschaftet beispielsweise nur einen niedrigen einstelligen Prozentsatz seines Gesamtumsatzes in China.

Medizinische Geräte fallen unter den MIC 2025-Plan, sodass chinesische Krankenhäuser verpflichtet sind, bis zu 70% ihrer Geräte aus dem Inland zu beziehen. Fresenius Medical müsste entsprechend deutlich umfangreichere Investitionen in China tätigen, um gegen die inländischen Mitbewerber ankommen zu können.

Dies würde sich jedoch nur bedingt rentieren, da nicht zuletzt der chinesische Hauptkonkurrent – Mindray Medical – bereits eine entscheidende Marktposition einnehmen konnte und weiter überdurchschnittlich wächst.

Unternehmen mit nur geringem Engagement in China tun womöglich gut daran, ihre Produkte zwar weiterhin im kleinen Maßstab in China zu verkaufen und zu produzieren, doch sollten von deren Management schon heute Alternativen zum chinesischen Markt in Betracht gezogen werden.

Die erstarkten chinesischen Mitbewerber werden in den kommenden Jahren versuchen, nicht nur in China, sondern auch auf dem Weltmarkt die Marktführerschaft zu erlangen. Entsprechend bleibt vielen ausländischen Unternehmen noch Zeit, sich für den sich verschärfenden internationalen Wettbewerb zu positionieren.


Auch ein möglicher Verkauf des jetzigen China-Geschäfts dieser Unternehmen erscheint im Rahmen dieses Vorgehens plausibel. Beispielsweise betrug der Umsatz des französischen Unternehmens Carrefour in China in den letzten 10 Jahren unter 5% am Gesamtumsatz, weshalb das Unternehmen im Jahr 2019 80% seines China-Geschäfts an den chinesischen Konkurrenten Suning verkaufte. Auch eine Reihe weiterer bekannter ausländischer Unternehmen, darunter Tesco, Forever 21 und Amazon, erreichten in China nie eine entscheidende Marktpositionen.

Aus diesem Grund schlossen oder verkauften sie ihre chinesischen Niederlassungen, um sich auf strategisch wichtige Länder und Märkte fokussieren zu können.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass in den nächsten Jahren sehr viele westliche Unternehmen von den sich verschärfenden (Handels-)Beziehungen zwischen China und den USA betroffen sein werden.

Je nach Geschäftsmodell werden sich allerdings die Folgen auf die jeweiligen Unternehmen gravierend unterscheiden. Je stärker ein Unternehmen von chinesischen Lieferanten, Ressourcen oder Arbeitskräften sowie den chinesischen Kunden beziehungsweise Konsumenten abhängig ist, desto größer steht es im Spannungsfeld der beiden Länder.

Auf der einen Seite profitieren ausländische Unternehmen vom großen Absatzpotenzial in China und der günstigen Produktion. Auf der anderen Seite stellt der Raub von geistigem Eigentum sowie gegenüber ausländischen Mitbewerbern benachteiligende Wettbewerbspraktiken der chinesischen Regierung die Unternehmen vor große Herausforderungen. Vor allem die mit dem MIC 2025-Plan eingeführten Marktanteilsziele fördern die Entwicklung von einheimischen Konkurrenten und verzerren den freien Wettbewerb in wichtigen Sektoren des chinesischen Marktes.

Vor dem Hintergrund des weiteren Erstarkens Chinas werden sich die USA diese Praktiken noch weniger gefallen lassen. Entsprechend ist in den nächsten Jahren mit einer deutlichen Verschärfung der handelspolitischen Maßnahmen beider Länder zu rechnen, was sich je nach zuvor beschriebenen Unternehmenstypen unterschiedlich stark auf die langfristige Profitabilität der westlichen Unternehmen auswirken wird.

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